Die Iteron V, in der Podpilotensprache oft anzüglich auch "der schnellste Phallus des Universums" genannt, verließ reibungslos den Hangar, wie zu erwarten war.
HSync aktivierte den Autopiloten und lehnte sich zurück. Die Reise würde so zwar bedeutend länger dauern, da irgendein obskures Gesetz es verhinderte, dass der Autopilot ein Sprungtor direkt in Sprungreichweite anwarpte, aber das war es ihm wert. Er würde die Zeit nutzen, um die Reise in Ruhe zu geniessen und von dieser Gegend Abschied zu nehmen.
Religiöse Fanatiker hin oder her... das Amarr Gebiet hier rund um Akes, nicht weit vom Zentrum des Amarr-Imperiums entfernt, war seine zweite Heimat geworden, nachdem er recht "frisch" hinter den Ohren seiner Corporation beigetreten war. Er erinnerte sich daran, mit welchen gemischten Gefühlen er das erste mal das Gebiet der Amarr "betrat".. wenn man es so nennen wollte. Gallente und Amarr waren von Natur aus nicht die besten Freunde.. und das war untertrieben.
Er hatte sich angepasst, denn schon bald durfte er feststellen, dass auch im Leben der strenggläubigen Amarr es einen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab. Nicht alles was sich dem Anschein strenggläubiger Frömmigkeit gab, war dann auch so, wenn man hinter die Fassaden blickte. Gerade draussen auf den Stationen liessen auch so manche Amarr mal "Fünfe gerade sein", wenn man so wollte. Natürlich nie offiziell!
Aber es gab sie, die Lasterhöhlen (oder was die Amarr dafür hielten... je nach Glaubensrichtung und Strenge konnte das schon auch das harmloseste Restaurant sein), die Vergnügungsstätten, betrieben von "Auswärtigen", damit sich die Amarr selber nicht die Hände schmutzig machen mussten.
Was sie natürlich nicht davon abhielt als Gäste diese "unheiligen Höhlen" zu betreten.
Die Argumente, warum man als Amarr dies tat, waren teilweise bizarr. Nur wenige waren ehrlich und standen zu ihrer sündhaften Verfehlung. Einige sprachen von "Studienzwecken", andere von "Selbstkasteiung" im Dienste ihres spezifischen Sektenglaubens (von denen es tatsächlich unzählige gab) und dass höhere Mächte es ihnen befohlen hätten zu sündigen, um anschließend überhaupt bereuen zu können.... ach, er könnte Bücher füllen.
Er bewegte sich unter ihnen, als Gallente immer so etwas ein Fremdkörper, aber im Zwielicht zwischen sündigenden, vergnügungssüchtigen Amarr und halbseidenen Immigranten aus dem Rest des Universums mit zweifelhafter Vergangenheit konnte er sich halbwegs gut einrichten... Und wenn man verdrängte, dass auf den Stationen manchmal Sachen abgingen, für die man an "gläubigeren" Orten im Amarr-Imperium bestraft und "resozialisiert" worden wäre, konnte man fast glauben man wäre auf einer ganz normalen Gallente-Vergnügungsstätte....
Er arbeitete und bildete sich fort.. als er seine erste Hulk erworb, war dies ein großer Moment. Die Belts in seinem Gebiet waren halbwegs brauchbar.. die unvermeidlichen "Ratten", leicht irre Piraten mit einem geradezu selbstmörderischen Hang, unproblematisch.. hin und wieder einer dieser blöden
Can-Flipper.. aber selten. Er hatte sein Auskommen.
Er merkte aber schnell, dass man als Miner zwar überleben , aber nicht wirklich reich werden konnte.
Zumindest nicht, wenn man nicht zu diesen Wesen mutieren wollte, die in ihren Pods schliefen und im Alleingang ganze Belts rund um die Uhr abräumten.. und ihr Heim, wo immer sich das außerhalb des Pods befinden sollte, mit Pinup-Kalendern der schönsten "Roids" bepflasterten.
So verrückt wollte er nun doch nicht werden, dann konnte er gleich den
Sanshas beitreten... Die hatten wenigstens einen Grund, warum sie so waren, wie sie sind...
Darüber hinaus war das Minern im Highsec auch nicht wirklich die Erfüllung. Abwechslung wurde hier nicht großgeschrieben... wenn mal ein Canflipper vorbeikam, wollte er ihm fast noch was schenken für die Abwechslung. Aber selbst die waren in seiner Gegend selten.
Manchmal saß er da, lauschte dem Donnern der Strip-Miner und wünschte sich, ein Suicide Ganker würde vorbeikommen... aber auch dieses Vergnügen machte einen Bogen um ihn, und er fragte sich, ob er sich langsam Gedanken machen musste wenn er schon ernsthaft erwog, ob sein eigener Tod nicht sein Leben bereichern würde..... aber Pod-Piloten waren in dieser Beziehung was das Leben und den Tod anging eh etwas anders geartet...
Er sammelte auch seine 0.0 Erfahrungen. Aber das 0.0, wo er sich aufhielt, war eines der schon fast zu gut bewachten Gebiete.. oder er hatte einfach Glück. Die paar male, wo er wirklich Ärger dort hatte, konnte er an einer Hand aufzählen.
Das klang eigentlich toll für jemanden, der mit einer No-Risk-Strategie lebte und sein Geld verdiente, aber zunehmend merkte er, dass er sich nicht weiterentwickelte. Wer nicht herausgefordert wurde, der rostete ein. Diese uralte Binsenweisheit wurde nun für ihn Realität.
Abwechslung stand ins Haus als seine Corp, nach einer sehr wechselvollen Geschichte mit vielen Aufs und Abs, sich entschloß, die Region und die Allianz zu wechseln.
Er hatte lange überlegt, ob er mitmachen sollte oder nicht. Aber die Vision seiner selbst, im hohen Alter immer noch in einer Hulk sitzend, die den Großteil ihrer Flugzeit damit brachte von einer Station abzudocken, ein paar Astronomical Units zum nächsten Belt im gleichen System zu fliegen und dort zu minern, den ganzen Kram in Container zu verteilen und diese wieder zu haulern bis er alt und grau war, ließ ihn dann doch erschaudern.
"Also sei es so.." Dachte er sich. "Neustart! Mal was anderes sehen!"
Als das letzte Sprungtor im amarrianischen Design vor seinen Augen verschwamm und kurz nach dem Sprung ein Ausbund an Hässlichkeit, wie es nur ein Caldari-Sprungtor in seinen gallentischen Augen bilden konnte, an dessen Stelle trat, wusste er, dass er nun ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.
(Wird fortgesetzt)